Detroit Bad Gastein

erschienen in „The Gap“

Ein einziges Wort machte Friedrich Liechtenstein zum Star: Supergeil. Gesungen hat er es nie. Wir haben mit ihm über den Hype des Edeka-Werbespots und sein neues Album gesprochen.

Bei Friedrich Liechtenstein passt auf den ersten Blick vieles nicht zusammen.
Wie schafft es ein 58 Jahre alter Mann, der nicht einmal einen Computer besitzt und eine Ausbildung als Puppenspieler hat, einer „Yolo“-und „Swag“-Generation neue Trends vorzugeben, ein Wort wie „Supergeil“ zu etablieren und den Tanzstil „Electric Slide“ in die Clubs zu bringen?

Friedrich Liechtenstein ist ein Phänomen, das schwer zu erklären ist. Vielleicht, weil er sich kaum in eine Schublade einordnen lässt. Puppenspieler, Theater-Regisseur, Performance-Künstler, Sänger, Schauspieler – Liechtenstein hat alles schon mal ausprobiert. Gleich geblieben ist immer nur sein außergewöhnlicher Zugang zur Kunst, zur Musik und seine Figur als einer der interessantesten Konzeptkünstler unserer Zeit.

Friedrich Liechtenstein, was treibt Sie derzeit um?

Es ist sehr viel los. Viele Anbahnungen, viele Gespräche über die Zukunft, neue Projekte, aber leider auch oft die gleichen Fragen.

Sind Sie schon sehr genervt von solchen Terminen, wie wir ihn gerade haben?

Nein, ich bin ja gern hierher gekommen. Und ich möchte ja mehr in Österreich machen. Dort hat bis jetzt nur der Standard im Jahr 2000 was geschrieben.

Gefällt Ihnen, wie sich die Dinge seit dem Supergeil-Werbespot entwickelt haben?

Ja, auf jeden Fall, ich bin sehr neugierig und auch tollkühn. Die Leute warnen mich, dass ich aus dieser Supergeil-Nummer nicht mehr rauskomme, aber für mich ist das eine sehr schöne Herausforderung.

Hätten Sie sich gedacht, dass Sie mit dem Song eine solche Welle lostreten?

Nein, das konnte sich keiner vorstellen, dass das so groß wird. Doch man darf nicht vergessen, dass hinter dem Werbespot ein „Viral Marketing“-Konzept steckt, an dem sehr, sehr viele Leute, arbeiten, die sich sehr, sehr viele Gedanken machen.

Sehen Sie das als Höhepunkt Ihrer Karriere? Ist das der Punkt, auf den Sie immer hingearbeitet haben?

Nein. Es ist eine Station. Ruhm war nie mein Ziel, eher der Plan von anderen Leuten, die gesehen haben, der Typ ist gut, der sagt Supermarkt, supergeil, nehmen wir den. Da steckt eine Riesenmaschine dahinter, in der sehr viel Geld bewegt wird. Wie sich das alles im Internet ausbreitet, hat noch mal eine eigene Dynamik. Und in aller Offenheit: Ich habe nicht einmal einen eigenen Computer.

Und wie sehr nerven Sie schon die ständigen „Supergeil“-Kommentare auf der Straße?

Es gibt viele nette Menschen, die auf mich zukommen, das freut mich. Es gibt aber auch viele Leute die keinen Respekt haben, aber die können eigentlich auch nichts dafür. Die wurden so erzogen. Wenn ich gerade beim Mittagessen sitze und jemand schlägt mir auf den Rücken und fragt mich ob er ein Selfie mit mir machen kann, dann nervt mich das natürlich. Die denken, dass ich ihnen gehöre, weil ich im Netz zu sehen bin. Leute, die Ärzte spielen, werden ja auch auf der Straße gefragt, was sie wegen Halsschmerzen machen sollen. Es wird anstrengend, wenn nicht verstanden wird, dass das alles gespielt und inszeniert ist.

Vielleicht auch, weil viele Leute sie nur als Sänger und nicht gleichzeitig auch als Schauspieler sehen?

Das kann sein. Es ist auch interessant, dass es alle zwei Jahre eine Kampagne mit „Geil“ gibt und jedes Mal ist es aufs Neue erstaunlich. Geiz ist geil, leider Geil, gerne geil, richtig geil. Wir vergessen zu schnell.

Ja, das muss man dann natürlich ausnutzen.

Muss man? Weiß ich nicht. Wie gesagt: Für mich ist es eine Station.

Und „Supergeil“ kommt gar nicht von Ihnen?

Nein, das haben sich andere Leute ausgedacht. Ich habe es einmal gesprochen und dann wurde es in das Video einmutiert. Von mir kommt jetzt die dritte CD.

Für viele Menschen ist Friedrich Liechtenstein erst jetzt mit dem Erfolg geboren worden. Aber was war in all den Jahren vor war vor „Supergeil“?

Bevor ich Friedrich Liechtenstein 2003 erschaffen habe, war ich mit einem Solo-Programm unterwegs, später war ich Regisseur und habe relativ traditionelle Theaterstücke inszeniert. Ich habe die Konzentration nie in den Verlauf der Geschichte gesteckt, mehr in die Personen, in den Ort. Ich habe Theater skulptural gesehen und versucht den Theaterbegriff zu erweitern. Ich hab mich immer an den Rändern bewegt, so habe ich mich immer weiter entfernt von diesem Business und bin zum Singen gekommen. Ich habe entdeckt, dass Singen ein sehr schönes Medium ist, um seine Botschaft wie einen Lichtstrahl aufs Publikum loszuschicken, sodass am Ende von einem kurzen Song von 1 Minute 30 mehr und schneller entstehen kann als nach einem ganzen Theaterstück.

Im Alltag fliegen einem oft Songzeilen zu und da merkt man dann, wie sehr Songs im Unterbewusstsein arbeiten und auch die Botschaft eines Songs eigentlich immer gut zum Hörer kommt. Das Problem beim Theater ist, dass man das immer nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zeigen kann, einen Song kann man jederzeit spielen.

Sie werden oft als Kunstfigur bezeichnet. Wieviel ist echt an Friedrich Liechtenstein, wieviel ist konstruiert?

Schwer zu sagen. Ich glaub fast, man sollte es nicht sagen. Es ist schöner, das Konstrukt geheim aufzubauen und sich daran zu freuen, wie es aufgeht.

Haben Sie sich damals selbst erschaffen oder unter viel Fremdeinwirkung?

Da bin ich mir auch nicht ganz im Klaren. Ich plaudere mir schon viel selbst herbei, aber es erfüllt sich oft auf eine andere Art, als ich es mir dachte. Ich gehe davon aus, dass genauso wie ich in die Welt hineinsinge, tanze, performe, auch Leute in meine Welt hineinagieren. Erfolg hat viele Väter, viele Leute haben daran gearbeitet, dass jetzt alles so gut läuft.

Aber auch der Misserfolg hat viele Väter. Viele Leute haben lang die Türen zugehalten, obwohl sie wussten dass es gut ist, was ich mache. Genauso gibt es jetzt viele, die die Türen aufmachen. Dennoch bin ich so selbstbewusst und sage: Erfolg hat viele Väter aber nur eine Mutter. Und da sage ich mal, die Mutter, dass ich das bin.

Sie waren immer mehr in der Avantgarde unterwegs, haben Sie jetzt Angst, dass Sie mit dem Supergeil-Hit zu sehr in den Mainstream abschlittern?

Ich bin nicht Mainstream. Der Werbespot ist sicher Mainstream, aber das bin ja nicht ich. Es gibt die Schauspielkunst, da zieht man sich ein Kostüm an und spricht Texte. Ich bin ja auch kein Arzt, wenn ich einen Arzt spiele. Insofern ist das Produkt sicher Mainstream, in dem ich einen professionellen Job gemacht habe. Ich habe viele Anfragen, von Clubs, ob ich das nicht performen will, aber will ich nicht, weil ich diese Station schon hinter mich gelassen habe.

Im Gegensatz dazu ist Ihr Album „Bad Gastein“ ganz ihr Projekt.

Ja. Ich weiß, viele lieben das Schlichte, Lustige, aber es gibt auch die, die das Komplexe mögen. Für die, die die Lust auf Musik und Nachdenken haben ist das Album.

Was haben Sie für einen Bezug zu Bad Gastein?

Ich war einmal in Bad Gastein, weil die hippen Leute aus Berlin eingeladen haben. Ich war sofort begeistert vom morbiden Charme der Stadt, von der Esoterik, vom Leerstand, von der gescheiterten Moderne mit diesem Congresszentrum. Bad Gastein ist wie ein riesiger Spielplatz, der bespielt werden will. So wie Ostberlin nach dem Mauerfall.

Es hat den Charme vergangener Zeiten.

Genau das ist das Schöne. Bad Gastein hat nichts mit Reichtum, sondern mit Pracht zu tun. Dieser Fluss, der sich zwischen den engen Häusern durchdrängt, das „Grand Hotel de l’Europe“, das dem „ Grand Budapest Hotel“ in Wes Andersons Film sehr ähnlich ist, die vielen Sagen um die Heilquellen – das alles mag ich sehr, das ist sehr inspirierend. In den Bergen gibt es ja mittlerweile schon viele Orte, wo jeder Quadratmeter verkauft ist und große Langeweile herrscht. Da ist Bad Gastein wirklich ein Geschenk. Und es war auch ein bisschen ein Frau-Holle-Gefühl, als ich dorthin gekommen bin.

Frau Holle? Hat es geschneit?

Nein. In dem Märchen gibt es den Apfelbaum, der ruft „Schüttel mich“ und so haben mich dort auch verschiedene Objekte angerufen und gesagt „Mach endlich mal!“. Ich habe viel nachgedacht, Konzepte geschrieben, mir Installationen überlegt. Ein Konzeptalbum war dann die nächstliegende Lösung. Ich habe zehn Songs geschrieben, die gemeinsam eine Geschichte geschrieben und das Album „Bad Gastein“ genannt. In Baden Baden haben sie mich letztens noch ausgelacht, als ich gesagt habe, wie mein Album heißt. Aber die werden sich noch anschauen. Bad Gastein hat so viel Potenzial, hier ist alles möglich.

Ist das ein Rettungsversuch?

Nein, ich bin ja kein Retter. Außerdem ist die Sache sehr ambivalent: Es ist ein Fall von klassischer Gentrifizierung. Die Künstler gehen wohin, wo alles leer steht und beleben den Ort, dann kommen die langweiligen Leute und machen alles teuer. Deshalb hat man erst mal eine schöne Zeit, wenn Bad Gastein jetzt in Schwung kommt, dann kommt die schlimme Zeit, wo jeder Zentimeter aufgekauft ist und sich nichts mehr bewegen kann. Wie in Berlin.

Für das Album haben Sie ja die Figur Kinky King erschaffen. Warum noch eine Kunstfigur?

Kinky King ist noch härter, er ist ein Hau-Drauf. Außerdem ist mein Lebensmodell ja die Alge, die Alge steht für das viele, für den Wandel, die Symbiose, die Explosion von Möglichkeit. Das Leben ist verwandelbar, alles ist möglich, deshalb ist mir auch die Verwandelbarkeit meiner Figuren wichtig.

Haben Sie noch mehr Ideen für Bad Gastein?

Ja, das Album war jetzt eine davon. Ich versuche auch immer wieder Leute zu animieren dort Urlaub zu machen. Am liebsten würde ich mit all meinen Freunden hinziehen und ganz viele, kleine Cafés aufmachen und schöne Parties organisieren. Im Congresszentrum könnte man einen Club wie das Berghain aufmachen. Es wäre eine schöne Zeit, bevor wieder die Langeweile kommt.

Erschienen im österreichischen Musik-Magazin „The Gap“ http://www.thegap.at/musikstories/artikel/detroit-bad-gastein/seite-3/

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Vier Tage lang tanzen für den Kommunismus

erschienen online auf welt.de

Jedes Jahr treffen sich 60.000 Musik-Fans beim Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern. Sie leben die Utopie einer kommunistischen Parallelgesellschaft. Drogen aller Art helfen ihnen dabei.

Es scheint, als würde das Gelände brennen. Mitten in der sonst so einsamen mecklenburgischen Seenplatte steigt Rauch empor. Die Lichter scheinen hell über dem ehemaligen Militärflughafen. Die Autos stehen Schlange, um auf das abgesperrte Gelände zu fahren, obwohl es fünf Uhr früh ist. Es ist kalt. Nebel hat sich über den frühen Morgen gelegt. Die Leute sitzen in ihren Autos und sehen sich an den bunten Schildern und kostümierten Menschen satt.

Es ist Fusion-Zeit. Seit 1997 lockt das Musik- und Performancekunst-Festival Fusion jedes Jahr Ende Juni Zehntausende Menschen in den 500-Einwohner-Ort Lärz in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Mann am Eingang in gelber Sicherheitsweste erklärt: „Die Fusion ist nicht nur ein Festival, sondern eine Einstellung.“ Er und die anderen langjährigen Festival-Fans nennen sich Fusionisten.

Der Mann kontrolliert, ob in den Kofferräumen unter Picknickdecken und Schlafsäcken nicht heimlich noch ein paar Festivalbesucher aufs Gelände geschmuggelt werden. Schenkt man ihm ein Bier, schaut er ein bisschen weniger genau.

Vielleicht gehört diese Bestechung zum Gesamtkonzept dazu. Das Motto des „größten Ferienlagers der Republik“ heißt Ferienkommunismus. Die Veranstalter möchten für vier Tage eine „Parallelgesellschaft“ entstehen lassen, „einen Ort ohne Zeit, einen Karneval der Sinne“, so steht es auf der Homepage.

Tanzen in der Datscha

Die Wege auf dem Festivalgelände haben Straßennamen. Sie heißen Lenin-Allee und Ulrike-Meinhof-Straße. Es gibt ein Häuschen mit der Aufschrift „Arbeitsamt“. Dort kann man sich ein Nachrückerticket erarbeiten. Getanzt wird in einem Hangar namens „Datscha“ oder einem Zelt namens „Palast der Republik“, eingekauft im Konsum.

Die ferne Welt außerhalb der Stacheldrahtzäune gilt als spießbürgerlich und kapitalistisch. Selbst Skeptiker, die die Freizeitutopie anfangs belächeln, ertappen sich mit der Zeit dabei, sich in der veganen Glückswolke wohlzufühlen.

Dass die Fusion noch immer von der gleichen Kommunismus-Idee lebt, liegt an den Veranstaltern, die den ehemaligen Militärflughafen der russischen Armee in den Neunzigerjahren günstig gekauft haben. Noch immer verzichten sie auf Sponsoring und Werbung und vermeiden Medienauftritte.

Viele der Bands spielen ohne Gage

Trotzdem bewerben sich jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen um ein Ticket. Die verfügbaren 60.000 Karten werden im Losverfahren vergeben. Viele der berühmten Bands treten kostenlos auf. Schließlich haben viele von ihnen dem Festival, das seit Jahren den Ton in der Elektro- und Technomusik angibt, ihren Aufstieg zu verdanken.

Vor zwei Jahren geriet die kommunistische Idylle ernsthaft in Gefahr. In der Saison 2012 kletterten mehr als 10.000 Menschen über die Zäune, um keinen Eintritt zahlen zu müssen. Die Folge waren schwere Handverletzungen, abgerissene Finger und verzögerte Wartezeiten in den umliegenden Krankenhäusern. Der Traum des Fair Play und der Grenzen ohne Vorschriften war geplatzt.

Die Veranstalter schrieben damals in ihrem Newsletter: „Ihr habt dem Festival die Unschuld geraubt und uns die Illusion genommen, dass die Fusion auch in Zukunft ohne Kontrolle an allen Ecken und Enden machbar wäre.“ Seitdem ist das Gelände mit Stacheldraht gesichert. Und die Kartenpreise wurden teurer.

Unterschied zwischen Wirs und Ihrs

Trotzdem halten die Leute hier an der Utopie fest, für ein paar Tage in einer besseren Welt Urlaub zu machen. Die Fusionisten sprechen in Wirs und Ihrs, das Ich überlassen sie den Menschen jenseits des Zauns. Sie diskutieren über Antifaschismus und Freiheit der Ukraine oder bewegen sich nur nebeneinander im Takt zu hämmernder Trance-Musik oder bunten Reggae-Räuschen.

Berliner Hipster, eingesessene Raver und eine übergebliebene oder eine neu entdeckte Hippie-Szene lächeln sich gegenseitig an. Sie helfen einander, wenn jemand nach durchtanzten Tagen und Nächten am Boden liegt und nicht mehr zu seinem Zelt findet. Vielleicht bringt die Musik die Menschen zusammen. Vielleicht sind es auch einfach nur die Drogen.

Auf der Fusion werden Drogen so offenherzig verkauft wie auf anderen Festivals Bier und Brezen. Nach ein paar Tagen wird jeder Besucher zum Experten: Speed ist gut zum Aufwachen, Extasy und MDMA zum Tanzen, LSD und Pilze besser bei Nacht, wenn man auf einem der vielen Grashügel sitzt und in Ruhe die Farbenvielfalt der Laternen und Kunstwerke bestaunen kann. Indisches Hasch und Marihuana zwischendurch beim Nachmittagsbier, Crystal Meth besser gar nicht.

Kochen, tanzen, Zähne putzen

Auf einer Hängeschaukel neben einer der Bühnen rollt ein junger Mann einen 50-Euro-Schein zusammen und zieht eine Line auf seinem Handy. Vor einer anderen Bühne tanzt eine Frau mit Feenflügeln und Goldglitter im Gesicht mit geschlossenen Augen.

An einem Morgen sieht man ein Paar, das sich im strömenden Regen gegenseitig MDMA von den Fingern schleckt. Tageszeiten sind auf der Fusion außer Kraft gesetzt. Immer gibt es Menschen, die Nudeln kochen, tanzen, Zähne putzen. Auf die Frage „Hast du schon geschlafen?“ antwortet nur ein Neuling am zweiten Festivaltag mit Ja.

Für schlaflose LSD-Konsumenten ist das Festivalgelände mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Überall hängen bunte Lampions, Scheinwerfer malen Kreise auf die Böden und Büsche, Feuerkünstler zeigen ihre Kunststücke, in den Bäumen hängen viele kleine Spiegel und reflektieren das Diskolicht.

„Drogen sind besser als Alkohol“

Ab und zu fährt jemand auf dem Hochrad vorbei, in goldenen Käfigen räkeln sich Prinzessinnen oder Katzen. Zwischen den Holzbühnen tanzen im Wald und im Sand Festivalbesucher, verkleidet als Wichtel, Indianermädchen, Feen oder Zirkusdirektoren.

„Drogen sind besser als Alkohol, da beschäftigt man sich nur mit sich und nicht mit seiner Umwelt“, erklärt eine alte Fusionistin mit violetten Haaren und einem Bauchtäschchen voller bunter Extasy-Tabletten. Viele Besucher kommen mit Gruppen, leben auf der Fusion dann aber für sich allein. Es gibt keinen Streit und keine Schlägereien, dafür Liebesbekundungen und großen Hunger nach Umarmungen.

Das Ende ist nie schön, vor allem nicht bei Festivals. Nach einem viertägigen bunten Seifenblasentraum holt die Realität die Menschen wieder ein.

Ein Raver mit krausen Haaren namens Lenny, der beim Tanzen rote Wangen bekommt, hält eine Weile inne, wenn man ihn fragt, was er eigentlich beruflich macht. „Oh Mann, das ist das erste Mal auf der Fusion, dass ich daran denke, was draußen passiert“, sagt er. Und fügt hinzu, er sei Wissenschaftler.

Tipps zum Umgang mit der Polizei

Bevor er und die anderen Besucher wieder in der feindlichen kapitalistischen Realität ankommen, müssen sie am Abreisetag bis zur Autobahnauffahrt mehrere Polizeikontrollen passieren. Backpacker suchen Mitfahrgelegenheiten, Lenker suchen Mitfahrer ohne Tabletten im Gepäck, Autos suchen cleane Fahrer.

Im Programmheft wird aufgeklärt, welche Rechte man gegenüber den Polizisten besitzt und dass man den Pinkeltest verweigern darf. Vor der Ausfahrt über die Landebahn mahnen mehrere Festivalgäste, die Drogen rechtzeitig abzugeben: „Gebt uns eure Drogen, bevor ihr sie der Polizei gebt!“

Ein junger Mann hält den Autofahrern seine „Drogen-Auffangbox“ ans Fenster. Ein Fahrer wirft ein Säckchen mit einem weißen Pulver hinein. „Pepp“, sagt er und fährt weiter. „Geil!“, ruft der junge Mann, der nur eine Leggings trägt. „Bis zum nächsten Jahr!“

Erschienen online am 5. Juli 2014 unter http://www.welt.de/kultur/pop/article129799300/Vier-Tage-lang-tanzen-fuer-den-Kommunismus.html

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Instagram: Warum wir gern so glücklich sind

erschienen online auf theeuropean.de

Bilder von Burgern, Sonnenuntergängen und schönen Freunden: Auf Instagram sind wir alle glücklich. Wir sind unpolitisch und oberflächlich.

Wir fotografieren unsere Pancakes und unsere Iced Latte Macchiatos, unsere selbstgebackenen Heidelbeerkuchen und am liebsten uns selbst, wie wir in einen Burger beißen. Wir fotografieren uns, wie wir am Gipfel eines Berges posieren und nach einem Marathon Plastikmedaillen um den Hals tragen, wie wir uns am Strand räkeln und durch den Wald joggen. Wir fotografieren gern unsere Partner und Freunde, wir uns alle küssen und umarmen, weil wir so viel Zeit miteinander haben und uns immer gut verstehen. Wir fotografieren unseren Erfolg. Wie wir unsere Diplome abholen und Prüfungen, Promotionen und Schulabschlüsse feiern. Wir fotografieren gern die Sonne in jeder Form: Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge, gegen das Licht, Sonne am Meer, Sonne, die sich in Sonnenbrillen spiegelt.

Wir wollen eine schöne Welt

Wir sehen die Welt durch die Instagram-Brille. Seit die Foto-App 2010 die Smart-Phones eroberte, sind unsere Erinnerungen „Sepia“-, „Earlybird“- oder „Nashville“-gefärbt. Über 200 Millionen User sind es mittlerweile. Wir fotografieren und retuschieren, wir laden Bilder auf unser Profil hoch und taggen darin unsere Gefühlskulisse, Lebensmenschen und unsere täglichen Ich-fühle-mich-gut- Motivationsfloskel. Wir freuen uns über Likes, weil das bedeutet, dass wir Freunde haben und auch noch schön sind.

Während auf Facebook einsame User oft die erklickte Aufmerksamkeit dafür nützen, um in ihren Statusmeldungen Liebeskummer und Trauer zu bekunden oder mit melancholischen Herz-Schmerz-Zitaten um Zuspruch haschen wollen ohne ihre Probleme wirklich preiszugeben, ist die Foto-App Instagram der positive Happy-Peppy-Gegenpol dazu. Hier sind negative Gedanken nicht erlaubt, denn auf Instagram sind wir alle glücklich. Wir leben alle ständig ein bisschen in Kalifornien, wo immer die Sonne scheint. Wir sind schön und schlank und essen trotzdem Pizza und Schokoladenkuchen. Wir sind erfolgreich und klug und gehen abends trotzdem mit unseren Freunden feiern, wir sind belesen und gehen ins Theater und haben trotzdem die Zeit, unglaublich sportlich zu sein.

Natürlich ist es lächerlich, jede neue App als Charakterzug unserer Gesellschaft zu lesen. Technische Erfindungen werden heutzutage im gesellschaftspolitischen Rahmen überinterpretiert. Viel interessanter ist die Frage, warum wir ein Medium wie Instagram so gierig aufnehmen – Über 20 Milliarden Fotos von Essen, Sonne und schönen Menschen wurden seit 2010 auf Instagram veröffentlicht. 1,6 Milliarden Mal drücken Instagram-User am Tag den Like-Knopf und verschenken blaue Herzen an fremde Profile. Warum legen wir so gern einen Filter über unsere Erinnerungen?

Wir sind unpolitisch und stehen dazu

Es scheint, als würden wir krampfhaft an einem makellosen Leben festhalten, das wir meistens gar nicht führen, und versuchen es für die Ewigkeit, und vor allem, für die Allgemeinheit zu dokumentieren. Wir sind schön, klug und beliebt. Den meisten Instagram-Usern geht es nicht darum Besonderes zu dokumentieren, sondern darum sich einen Alltag zu konstruieren: das Frühstück, der Fitnessstudio-Besuch, die Cocktails unter Freunden. In der Ukraine werden Journalisten verschleppt, wir trinken Cappuccino mit in den Milchschaum gezeichnete Herzen. Europas Rechte ist bei den EU-Wahlen präsent wie noch nie und wir haben uns neue Nikes fürs Fitnessstudio gekauft.

Auf Instagram können wir sein, wie wir gern wären und wir können ausblenden, was unser Leben nicht zu einem Bilderbuch macht. Hier findet nichts statt, hier wird nur gezeigt. Nicht die App zensuriert uns, sondern wir uns selbst. Wir möchten nicht nur andere, sondern auch uns selbst belügen und das ganz wissentlich.

Wir sind unpolitisch und oberflächlich – das ist das Statement, das wir mit unseren Instagram-Bildern abgeben. Vielleicht ist es ja doch ein Zeichen unserer Zeit, dass wir uns die Welt immer mehr selbst modulieren möchten und uns an gewissen Orten gern gezielt auf Oberflächlichkeiten reduzieren. Aber so lange es uns besser geht, wenn wir unsere Instagram-Fotos durchsehen, uns über dieses gelbliche Retro-Leben und über die vielen blauen Herzen freuen, hat sogar diese App ihre Berechtigung. Wir möchten ein kleines Leben führen, dafür ein gutes. Wir haben Freude an Dingen wie an Laubblättern, Frisuren und selbst gepflügten Himbeeren. Wir sind immer schön und haben viele Freunde. Wir haben immer Zeit. Die Sonne geht ständig auf oder unter. Schön wäre es, wenn es tatsächlich so wäre.

Erschienen Online auf „The European“ unter http://www.theeuropean.de/marie-gamillscheg/8562-instagram-warum-wir-gern-so-gluecklich-sind#

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Es geht nicht nur um krumme Gurken

erschienen online auf cafebabel.de

Bald ist es wieder soweit: Das europäische Parlament wird neu gewählt. Die EU-Pessimisten sind so stark wie noch nie und selbst die Befürworter schlagen sich mittlerweile oft auf die Seite der Kritiker. Wird ein falscher Wahlkampf geführt? Und warum glauben wir nicht mehr an die Europäische Union? 

Das Granteln als urösterreichische Eigenschaft hat sich längst internationalisiert. Das zeigt der diesjährige EU-Wahlkampf besonders gut: Nicht nur die populistischen Parteien schimpfen wie gewohnt auf den EU-Regulierungswahn von Gurkenkrümmungen und der Wassserdosierung bei Toilettenspülungen. Auch Politiker, die sich normalerweise als Befürworter der Europäischen Union präsentieren, führen diesmal einen EU-kritischen Wahlkampf. “Ich als Pro-Europäer kritisiere die EU auch. Viel Kritik ist absolut gerechtfertigt”, sagte kürzlich sogar Martin Schulz, der sozialdemokratische Spitzenkandidat bei der Europawahl, in einem Interview mit dem “Tagesspiegel”.

Der Anteil der EU-Gegner in der Bevölkerung ist so groß wie noch nie zuvor; die Anzahl der Europaabgeordneten, die die EU am liebsten wieder abschaffen möchten, könnte bei den kommenden Wahlen von 90 auf 140 steigen. Und das gerade dieses Jahr, wo erstmals mit den gesamteuropäischen Spitzenkandidaten der Europa-Wahl Namen und Gesichter gegeben werden. Erschaffen wir gerade jetzt ein System, das sich am liebsten selbst abschaffen möchte? Linke Politiker versuchen ihre Wähler zu beschwichtigen und zurückzugewinnen, in dem auch sie sich auf die Seite der EU-Kritiker schlagen, doch diese Taktik kann genauso gut der anderen Seite zu mehr Stimmen verhelfen. Kritik bleibt schließlich immer Kritik. Und wenn nicht einmal mehr die großen EU-Parteien an sich glauben, wie sollen wir es dann tun?

Mehr Inhalt!

Der diesjährige Wahlkampf bietet den Kritikern guten Boden. Großteils werden die Kampagnen gänzlich inhaltslos nur über die heutzutage überflüssige Frage “Ja oder Nein zu Europa” geführt – eine Frage, die sich ein mitteleuropäischer Bürger heutzutage nicht mehr stellt, wenn ihm die nicht mehr wegzudenkenden Vorteile der völkerverbindenden Gemeinschaft bewusst sind. Andere beschäftigen sich rein mit nationalen Themen.

Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) werden für 51 % der Österreicher ihnen inhaltlich wichtige Themen im Wahlkampf nicht behandelt. Anstatt ihrer Meinung über krumme Gurken sollten die Parteien besser ihre Standpunkte zur Ukrainekrise, zum möglichen EU-Beitritt der Türkei, zur europaweiten Jugendarbeitslosigkeit und zum Schutz vor einer erneuten Finanzkrise klarstellen.

Die Parteien haben ihren Wahlkampf eindeutig verfehlt. Kurz vor der Wahl möchten weniger Menschen zur Wahl gehen als vor dem Kampagnenstart. Doch das Ergebnis dieser Umfrage soll nicht nur negativ gesehen werden: Es zeigt, dass ein EU-Wahlkampf nicht mehr nur über die plumpe Pro-und-Contra-Schiene geführt werden kann, weil die Wähler echte europäische Themen fordern. Es soll nicht mehr um Ja oder Nein gehen, sondern um den Inhalt. Denn dass sie alle Europäer sind, steht für die Wähler mittlerweile außer Frage. Ein gutes Zeichen.

Verwirrung um das “Who is Who” bei den Europawahlen

Doch ein großes Problem ist, dass sich viele Europäer heutzutage noch immer nicht mit ihrem eigenen Europa auskennen. Im Wahlkampf treten zu viele Gesichter auf – neben die österreichischen Spitzenkandidaten drängen sich die Parteiobmänner auf die Plakate, die mit der Wahl nichts zu tun haben, und sorgen für Verwirrung. Warum posiert Heinz-Christian Strache allein auf dem EU-Wahlplakat, wenn man ihn doch gar nicht wählen kann?  Und was  hat die Wahl des Kommissionspräsidenten, für dessen Posten die gesamteuropäischen Spitzenkandidtaten antreten, mit der EU-Parlamentswahl zu tun?

Es findet zu wenig Aufklärung statt. Die EU ist mittlerweile schon so sehr Teil unserer europäischen Selbstverständlichkeit geworden, dass wir auch die Vorteile der Union hinnehmen, als hätten wir schon immer von ihnen profitiert – die Bewegungsfreiheit zwischen den Mitgliedsstaaten, die einheitliche Währungsunion, Austauschprogramme wie das Studenten-Stipendium Erasmus. Viele Menschen wissen nicht, wie viele lokale Projekte und Institutionen eigentlich von EU-Förderungen profitieren.

Natürlich gibt es in Brüssel einen riesengroßen Beamtenapparat, den es zu reduzieren gilt. Doch auch hier wurden in den letzten Jahren viele Mythen herangezüchtet, deren Glaubwürdigkeit zu hinterfragen ist. So ist es zum Beispiel längst überfällig, dass die Gurkenverordnung wieder im Wahlkampf auftaucht. Denn die gibt es gar nicht mehr. Nachdem die EU-Verordnung für Obst und Gemüse 1988 erlassen wurde, die vor allem Händlern zur  Definition von Handelsklassen diente, wurde sie 20 Jahre später wieder abgeschafft.  Die damalige EU-Agrarkomissarion Mariann Fischer Boel sagte damals: “Dies bedeutet einen Neuanfang für die krumme Gurke und die knorrige Karotte.” Die Vertretung Österreichs in Brüssel hat mittlerweile begonnen, die amüsantesten EU-Mythen zu sammeln.  “EU macht Jagd auf Pferde “, EU schafft Deutsch ab” und “Die EU schreibt den Bauern Matratzen für ihre Kühe zum Schlafen vor” sind nur einige davon. Und welcher Österreicher hat noch nicht gehört, dass die Brettljause laut EU-Hygienevorschrift nicht auf Holzbrettern serviert werden darf? Auch das ist ein Mythos.

Erschienen online bei Café Babel unter http://www.cafebabel.de/wien/artikel/es-geht-nicht-nur-um-krumme-gurken.html

 

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Politik mit Wurst

erschienen online auf theeuropean.de

Seit Conchita Wurst den Eurovision-Songcontest für sich entschieden hat, hat sich Österreich in eine Vorbildfunktion für das tolerante, offene Europa gedrängt. Doch dahin ist es noch ein langer Weg – mit vielen Wurststrecken.

In Österreich stehen Wortspiele derzeit hoch im Kurs. Der Heimatsort der Dragqueen Conchita Wurst Bad Mitterndorf nennt sich nur noch „Bart Mitterndorf“, die österreichischen Tageszeitungen und Blogs versuchen sich gegenseitig mit Titeln wie „Im Zeichen des Bartes“ und „Wurst für die Welt“ zu übertreffen. Seit Conchita Wurst vergangenen Samstag den Eurovision-Songcontest das erste Mal seit 1966 für Österreich gewonnen hat, malen sich Menschen auf der Straße mit ihren Kajalstiften Bärte an die Wangen und posten „Wir sind Wurst“ in den sozialen Netzwerken. Doch sind wir mit der Suche nach möglichst kreativen Wortspielen schon am Ende der Wurststrecke angelangt?

Als Österreicher gewinnt man in diesen Tagen ein neues Bild von sich. Auf das Land, wo vor kurzem noch laut einer Umfrage 70 Prozent der Jugendlichen Beamte werden möchten und jeder Dritte sich einen starken Führer wünscht, werden auf einmal alle Vorbildvorstellungen eines modernen, aufgeklärten Staates projiziert. Österreich ist europaweit ein Beispiel für eine für alle Lebensweisen offene Gesellschaft geworden, Respekt und Toleranz sind die Begriffe, die Conchita Wurst in die Mikrofone säuselt und von jedem Politiker begeistert wiedergekäut werden, als wären diese Worte gerade erst erfunden worden.

Wir sind Wurst!

Der persönliche Sieg von Conchita Wurst wird kollektiv vereinnahmt. Endlich muss man sich für ein bisschen Patriotismus nicht schämen, den Österreich doch so gern trotzig auslebt. Politiker und Promis veröffentlichen eifrig Glückwünsche und Fotos, für Bundespräsident Heinz Fischer ist der Erfolg „nicht nur ein Sieg für Österreich, sondern vor allem für die Vielfalt und Toleranz in Europa.“ Frau Wurst soll sogar vom Balkon des Bundeskanzleramts ihren Fans am Wiener Ballhausplatz zuwinken dürfen; eine Ehre, die bisher nur Größen wie Skifahrerlegende Karl Schranz zuteil wurde.

Schnell wird vergessen, dass Conchita Wurst alias Tom Neuwirth auch in Österreich noch bis vor dem Songcontest belächelt wurde und wüsten homophoben Schimpftiraden ausgesetzt war. Denn Österreich kann sich nicht bei den tolerantesten Ländern Europas vorne einreihen: Im Gegensatz zu Frankreich, Spanien oder Dänemark können in Österreich gleichgeschlechtliche Paare nicht heiraten, sondern nur eine eingetragene Partnerschaft eingehen, die nicht am Standesamt geschlossen werden darf. Einen „gemeinsamen Namen“ darf das Paar danach nicht tragen, sondern nur einen „gleich lautenden Namen“. Das macht am Papier keinen Unterschied, zeigt aber den symbolischen Stellenwert.

Auch andere EU-Länder sind von einer Gleichstellung noch weit entfernt. In Italien sind eingetragene Partnerschaften in vielen Regionen schwer umkämpft, in Ungarn wurden 2013 gleichgeschlechtliche Paare in der Verfassung nicht in die Definition einer Familie eingeschlossen. Vor allem auf der Ebene der Anti-Diskriminierungsgesetze braucht Europa dringend neue Regelungen. Nur in Kosovo, Portugal und Schweden ist der Schutz der Homosexuellen durch Anti-Diskriminierungsgesetze in der Verfassung verankert – in anderen Ländern sind die Gesetze zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz oft noch sehr schwammig formuliert. Laut der geltenden Regelungen in Österreich können Homosexuellen eine Bestellung im Restaurant oder eine Reservierung im Hotel aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verweigert werden.

Europa darf sich jetzt nicht auf ihrer nun zur Schau gestellten Toleranz und Offenheit ausruhen. Mit dem Sieg von Conchita Wurst wurde ein wichtiges Zeichen gesetzt, doch jetzt muss es auch weitergehen. In Österreich wurde damit schon begonnen. Für ÖVP-Vizekanzler Michael Spindelegger ist plötzlich eine rasche Änderung der Gleichstellungsgesetze wichtig. Ein erster Schritt, auch wenn er sich noch wage gibt: „Wenn wir das bis Sommer diskutiert haben, wäre das okay.“

„We are unstoppable“

Spätestens seit diesem Jahr kann niemand mehr abstreiten, dass es beim Eurovision-Songcontest nicht nur um Musik geht. Frau Wurst hat es geschafft, die angespannte Stimmung zwischen Europa und Russland noch nachzuwürzen. „Europas Ende“ diagnostiziert der russisch-nationalistische Politiker Wladimir Schirinowski dem ganzen Kontinent. „Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen.“

Österreich gefällt sich in der Rolle des aufmüpfigen Schülers, die ihm nicht oft zuteil wird. Deshalb sollte jetzt auch nicht der Streit der Bundesländer, wo der Songcontest 2015 ausgetragen wird, sondern die Gleichstellung homosexueller Paare sollte die Gespräche und Titelblätter bestimmen. Einer bärtigen Frau, die keine ist, die Hand schütteln ist einfach. Ihr auch wirklich den Respekt und Toleranz entgegenzubringen, die derzeit allerorts propagiert werden, ist schon wieder schwieriger.

Die Rolle von Conchita Wurst ist hier wesentlich wichtiger, als es ihr zugetraut wird. Es liegt auch an ihr, ihr entschlossen verkündetes „We are unstoppable“ auch in die Tat umzusetzen. Andi Knoll, der österreichische Kommentator des Songcontests in Kopenhagen, hat es vielleicht schon bei der Live-Übertragung geahnt: „Jetzt hat uns die den Schaß gwonnen“, kommentierte er spontan den Sieg. Es ist ein langer Weg mit vielen Wurststrecken.

 

Online erschienen auf „The European“ unter http://www.theeuropean.de/marie-gamillscheg/8468-wie-politisch-ist-oesterreichs-sieg-beim-esc 

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Anne Frank, jetzt auch mit Snack-Box

erschienen im Print und online auf welt.de

Für das Musical „Anne“ hat Leon de Winter das Libretto geschrieben. Ein Theater wurde dafür in Amsterdam gebaut. Man kann die Aufführung über das Schicksal des jüdischen Mädchens samt Dinner buchen.

Amsterdam hat ein neues Theater. Das Theater Amsterdam ist 4200 Quadratmeter groß, hat 16 Damentoiletten, eine „3D-Snack-Wand“ und eine „mobile Weinbar“. Hier feiert das Musical „Anne“ am 8. Mai seine Weltpremiere – die Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie, neu dramatisiert vom niederländischen Schriftstellerpaar Leon de Winter und Jessica Durlacher.

Das Stück konzentriert sich nicht nur auf die zwei Jahre, die die Familie im Hinterhaus verbracht hat, sondern behandelt auch die Zeit davor bis zur Verhaftung danach. Erstmals werden für die Geschichte alle Tagebuchversionen in Betracht gezogen, selbst die unzensierten, erklärt das Theater stolz.

Die Geschichte wird, leichter verdaulich, in ein Musical verpackt. „Wir haben den Ehrgeiz, ein Theaterstück mit Musik zu schaffen, das von allen Generationen gerne gesehen wird „, sagt der Produzent Robin de Levita. Doch trotzdem ähnelt das Projektkonzept mehr dem „König der Löwen“ in Hamburg oder Agatha Christies „Mausefalle“ in London als einer Produktion mit Bildungsauftrag.

Kritik aus dem Anne-Frank-Haus

Das neue Theater ist eine einmalige Investition, die beständig Touristen in die Stadt spült und das Geld fließen lässt. Historische Stoffe in Kommerz-Musicals zu verarbeiten hat sich schließlich schon öfters bewährt: Das Musical „Elisabeth“ spielt in Wien seit über zwölf Jahren und noch immer sind die Vorstellungen ausverkauft.

Die direkte Konkurrenz zum neuen Anne-Frank-Projekt steht in der eigenen Stadt, das Anne-Frank-Haus. „Ich kann mir nicht helfen, aber ich komme damit nicht klar, dass Tickets in Kombination mit einem Glas Wein, einer Snackbox oder einem Abendessen mit nettem Ausblick angeboten werden“, sagt der Hausdirektor Ronald Leopold zur jüdischen Presseagentur „JTA“. „Wenn es nach mir ginge, dann wäre es nie so weit gekommen“.

Auch die Homepage vermittelt den Eindruck, dass der kulinarische Teil das Haupterlebnis eines „Anne“-Abends sein sollte: Erst mit dem Mittag- oder Abendessen vor der Vorstellung ist ein Theaterbesuch eine „complete experience“, heißt es dort.

2016 laufen die Rechte am Tagebuch aus

Amsterdams Vizebürgermeisterin Caroline Gehrels beschreibt den Stellenwert Anne Franks für die Stadt, indem sie das Mädchen ein „Wahrzeichen“ nennt. Und sie in dieser Hinsicht mit Vincent van Gogh und Rembrandt vergleicht. Das Schicksal der Jüdin wird zu PR-Zwecken und als Touristenattraktion gnadenlos vermarktet – ständig werden neue Ableger erfunden, die Geld abwerfen sollen.

Der Basler Anne-Frank-Fonds, einst von Annes Vater Otto gegründet, verwaltet noch immer die Persönlichkeitsrechte von Anne Frank und die Urheberrechte am Tagebuch. Der Fonds entscheidet über Theater-, Film- und Musikproduktionen, Ausstellungen und andere Gedenkstätten über Anne Frank. Bis jetzt wurde hier streng gehandhabt bei Projekten, die dem Fonds nicht ins Konzept passen, doch 2016 laufen die Rechte am Tagebuch aus. Das heißt, dem Fonds bleiben nur noch zwei knappe Jahre um aus einmal Kopfnicken Geld zu machen.

Da bietet sich das Jubiläum im nächsten Jahr gut an – 2015 wäre Anne Frank 85 geworden. Auch ihr Todestag jährt sich zum 70. Mal. Die Machtspiele rund um das Gedenkjahr haben bereits im Januar mit dem Streit zwischen dem ZDF und dem Basler Fonds begonnen.

„Ana“ in der Madrider Musicalfassung

Während der Fonds bereits ein Kinofilmprojekt unter der Regie von Hans Steinbichler plante, kündigte das ZDF eine eigene Verfilmung mit Regisseur und Produzent Oliver Berben an – ohne Rücksprache mit dem Fonds. Ein „respektloses Benehmen“ nannte der Fonds das und trat beleidigt mit der Debatte an die Öffentlichkeit, bis das ZDF sein Angebot zurückzog. Nun darf stattdessen die ARD verfilmen, eine Hauptdarstellerin ist schon gecastet.

„Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden?“, schrieb Anne Frank in ihrem Versteck im Hinterhaus vor 70 Jahren. Sie ist nie Schriftstellerin oder Journalistin geworden, trotzdem ist sie heute ein Star. Um die Rolle der Anne streiten sich Schauspielgrößen am Broadway und in Kinofilmen.

In Madrid gab es 2008 bereits eine Musicalfassung, die hispanisierte Hauptfigur hieß dort „Ana“; Kitty, die fiktive Figur, an die Anne Frank ihr Tagebuch adressierte, wurde als junge Frau auf die Bühne gesetzt und der Song „Geliebtes Radio“ sollte Anas Hoffnung auf die baldige Landung der Alliierten ausdrücken und somit das politische Thema ausreichend behandeln. Die Liebesgeschichte mit Peter wurde in den Mittelpunkt gehoben, um dem Holocaust-Kontext einen romantischen Hoffnungsschimmer entgegenzusetzen.

Das Dinner kann dazu gebucht werden

Wie in vielen Anne-Frank-Produktionen wurde auch in Madrid ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste, Teil vergessen: Anne Frank war eine begnadete Schreiberin, die es schaffte, einen nüchternen Blick auf ihr Umfeld zu bewahren und doch mit literarischer Feinfühligkeit ihre Emotionen in Worte zu fassen. Der holländischen Musicalproduktion scheint dies glücklicherweise bekannt zu sein: „Sie war außerordentlich talentiert: Schon im Alter von 15 Jahren hatte sie sich zu einer großen Autorin entwickelt“, erklärt zumindest Autor Leon de Winter.

Die Geschichte von Anne Frank ist heutzutage so integriert in unser Allgemeinwissen, dass die Auseinandersetzung damit oft nur mehr oberflächlich geschieht. Als Wachsfigur im Madame Tussauds in Berlin kann man mit ihr fürs Foto posieren. Das Anne-Frank-Haus in Amsterdam ist ein „Must Be“ der Gedenkstätten geworden – Beyoncé hat die klassischen Betroffenheitsfotos vor den Portraits des Mädchens im Haus schon gemacht, auch Justin Bieber war da.

„Wirklich inspirierend, hierherzukommen“, schrieb Bieber ins Gästebuch, „Anne war ein tolles Mädchen. Hoffentlich wäre sie ein ‚Belieber‘ gewesen“. Während der Bühnenversion ihrer intimsten Tagebuchgedanken können Zuschauer an einer „Snack Box Deluxe“ für um die 12,50 Euro knabbern. Zweimal täglich wird das Musical „Anne“ am Theater Amsterdam gezeigt. Wenn man das Dinner dazubuchen möchte, soll man zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn da sein, heißt es auf der Homepage. T-Shirts für alle „Befrankers“ sind sicherlich schon in Arbeit.

Erschienen in der Print-Ausgabe der WELT am 8.5.2014, online unter  http://www.welt.de/kultur/article127747424/Anne-Frank-jetzt-auch-mit-Snack-Box.html

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Über Facebook und Merkel wird immer gelacht


erschienen im Print und online auf welt.de

Underground im Overground: Noch immer wird die Kleinkunst des Poetry Slam vom Feuilleton belächelt und vom Volk geliebt. In Deutschland feiert die Bühnenlyrik ihren zwanzigsten Geburtstag.

Die Stars der Poetry-Slam-Szene werden auf die Bühne geklatscht, gejohlt und gekreischt. Das Publikum kennt ihre Lieblinge, bei Slammern wie Sebastian23, der mittlerweile mit seinem eigenen Comedy-Programm durch Deutschland tourt, erreicht der Kreischpegel seinen Höhepunkt. In der Berliner Volksbühne werden zwanzig Jahre Poetry Slam  in Deutschland zelebriert.

Auch Bas Böttcher ist da. Ein Slam-Poet der ersten Stunde, er hat die Anfänge miterlebt: Seine ersten Slams hat er in einer alten Kaserne in Ludwigsburg, in einem ausrangierten Güterbahnhof in Frankfurt und auf einem Schiff im Hafen von Rostock ausgetragen. Es waren Abende, wo das Bier am Ende wichtiger war als die von Chipspackungen abgelesene Poesie und die Menschen noch am Boden anstatt in rot gepolsterten Theaterreihen saßen. Poetry Slam ist schon lange kein Geheimtipp mehr.

Vor zwanzig Jahren ist die Bewegung aus Amerika nach Deutschland gekommen. Der Gründungsmythos um Literaturveranstalter und „Slam-Papi“ Marc Kelly Smith geht so: Im Chicago der Achtzigerjahre hatte der Jazz sich wie eine Klangdecke über die dunklen, verrauchten Bars der Stadt gelegt, Literaturlesungen nach dem Autor-Wasserglas-Leselampe-Konzept galten als verstaubt. Deshalb dachte sich Smith ein neues Konzept aus: Ein Dichter, ein Mikrofon, fünf Minuten Redezeit. Eine Jury, spontan aus dem Publikum gewählt, bestimmt mit Preisrichtertafeln in zwei Runden den Gewinner. Bier statt Wasser, lautes Ausbuhen und Beifallsgebrüll statt Autorenandacht.

Jeder darf mitmachen

Der Slam wurde bald ein Auffangbecken für sich verkannt fühlende Schriftsteller und Künstler. Studenten, Lehrer, Pensionäre – jeder durfte mitmachen, solange der Text selbst geschrieben war. In Berlin erfand sich der Poetry Slam 1994. Man traf sich im „Ex’n’Pop“ in Schöneberg. Gedimmtes Licht, Rauch und Bier in den dunklen Räumen, ein paar Amerikaner hingen an der Bar, es fühlte sich ein bisschen nach Chicago an.

Wolf Hogekamp ist der deutsche „Slam-Papi“, er hat die Szene mitbegründet. „Ohne ihn wäre Poetry Slam heute nicht das, was er ist“, sagt Julian Heun, doppelter deutscher Meister, auf der Bühne in melancholischer Ergebenheit. Wolf Hogekamp, der Veranstalter des Jubiläumsabends, winkt ab, er hört das nicht gern. Reine Bescheidenheit oder sieht er sich nicht als Vater der Massenbewegung, die Poetry Slam geworden ist?

Poesie ist wieder schick, sie hat sich den verpönten Reim zurückgeholt. „Wer hätte gedacht, dass die einsamste aller Gattungen in die Öffentlichkeit zurückkehren würde?“ staunte die „Zeit“ schon 2003. Man sprach von einer weitergelebten Beat-Generation, von einer „spoken word revolution“. Literaturveranstaltungen wurden wieder ein Ort, wo man sich nicht nur mit schwarzem Rollkragenpullover wohl fühlen konnte, und der Poetry Slam trat seinen Siegeszug an.

Poetry im Vorprogramm vom Tim Bendzko

Heutzutage finden im deutschsprachigen Raum im Monat rund 150 Poetry Slams statt, mit 10.000 Besuchern. Dazu kommen die sich sprunghaft vermehrenden YouTube-Poeten. Julia Engelmanns Slam, der im Frühjahr in den deutschen Feuilletons Wellen schlug und eine Diskussion um die Definitionsversuche der Generation der orientierungslosen Mittzwanziger anstieß, wurde mittlerweile fast sechs Millionen Mal angeklickt.

Der Slam ist von schmierigen Kellerbars auf die großen Stadtbühnen, ins Fernsehen und in den Unterrichtsplan gewechselt. Bekannte Slammer werden eingeladen und eingekauft, die Zeiten, wo dem Sieger Haschbrownies als Gewinn überreicht wurden, sind vorbei. Heute gibt es oft Geld. Oder zumindest ein bisschen Ehre. Die Schulen springen auf den Hype auf und stampfen Unterrichtsmaterial aus dem Boden. Die einstige Subkultur ist an der Oberfläche angekommen und im Mainstream. Julia Engelmann tritt im Vorprogramm von Tim Bendzko auf. Marc Kelly Smith trägt jetzt Pullunder.

Das Feuilleton hat sich mit dem Poetry Slam nie ganz angefreundet. Anfangs beschränkten sich die Vorwürfe auf sprachliche Unausgereiftheit, die sich im geschriebenen Text manifestiert, und thematisch stereotype Erzählungen. Doch je mehr der Poetry Slam Teil einer Popkultur wurde, desto mehr rückte der Wettbewerb in den Fokus.

Auch Slammer sind jung und brauchen das Geld

Während anfangs die sportliche Note des Slams mehr als Parodie auf ernsthafte Literaturwettbewerbe zu verstehen war, wollen Slammer heutzutage regionaler Meister, deutscher Meister, Weltmeister werden. Und sie wollen Geld. Julian Heun hat letztes Jahr seinen Debütroman „Strawberry Fields Berlin“ veröffentlicht. „Ohne Slam hätte ich den Roman nicht geschrieben, weil ich mich nicht getraut hätte, und niemand hätte ihn veröffentlicht, weil mich niemand gekannt hätte“, sagt der Slammer.

Der Text mit den meisten Lachern bekommt meist die meisten Punkte. Die lyrischen Stimmen im Poetry Slam werden seltener, das schwerelose Erzählen von Alltagsanekdoten überwiegt. „Slam-Autoren entwickelten mit der Zeit eine Literatur der Leichtlöslichkeit, zugängliche und massentaugliche Instanz-Sprechtexte mit Tendenz zum Trivialen“, so Boris Preckwitz, Autor und früherer Slam-Poet. Für ihn ist Poetry Slam heutzutage „humoristische Gefälligkeitsprosa“: „Eine stets aus der Ich-Perspektive erzählte, ironisch und fiktiv-biografisch getönte Geschichte aus dem Alltag.“

Stilistisch, so Preckwitz, finden sich kaum Variationen oder Irritationen. „Es entstand eine weitgehend einheitliche Schreibe, deren minimaler Wortschatz sich durch einen gehetzt klingenden Satzbau eine Spur Dringlichkeit zu geben versucht.“ Preckwitz ist sich sicher: „Mittlerweile gibt es in der prosacomedygeprägten Szene auch keine ernstzunehmenden Lyriker mehr. Wer dort noch als Poet aktiv ist, hat den Weg in die Gegenwartslyrik nicht gefunden.“

Vom Slammen zum Schenkelklopfen

Der offene Poetry Slam-Wettbewerb hat sich zu einer braven, bürgerlichen Veranstaltung entwickelt, zu einem Unterhaltungsabend, wo sich die Beschwerdegesellschaft über Rauchverbote und Steuerzahlungen auslässt und Latte-Macchiato-Geschichten über durchzechte Nächte und das Wiedertreffen mit der großen Liebe erzählt.

Stichwörter wie „Facebook“, „Yolo“ und „Angela Merkel“ garantieren immer zumindest ein paar Lacher. Die Slams leben von Kennt-ihr-das-Gefühl-Erzählungen und einer metaphorischen Bildersprache, die oft nur aufgrund der Schnelllebigkeit der Texte funktioniert.

Deshalb wird längst zwischen Slam-Poesie als Literaturform und Poetry Slam als Veranstaltung unterschieden. „So wie Bauhaus als Stilrichtung und Hausbau als allgemeiner Sammelbegriff“, erklärt Böttcher. Echte Slam-Poesie hört man heutzutage auf Slam-Veranstaltungen ohne offenem Wettbewerb, wo gezielt Slammer eingeladen werden. Hier gibt es sie noch, die rhythmisch und klanglich komponierten Texte, die humoristische Elemente beinhalten und trotzdem Tiefe.

Eine schrecklich nette Familie

So auch beim Jubiläumswettbewerb in der Volksbühne. Lars Ruppel aus Leipzig hat gewonnen, das Publikum hat entschieden. Am Ende kommen alle auf die Bühne, sie klopfen sich auf die Schulter und werfen sich aufeinander und erinnern damit an die Umarmungsgesellschaft einer Casting-Show. „Die Slam-Szene ist eine große, irre Familie, in die ich sehr verliebt bin“, sagt Heun.

Auf der Bühne hängen Bas Böttcher, Sebastian23, Julius Fischer und Volker Strübing an seiner Schulter. Für sie alle war Poetry Slam ein Sprungbrett, heute verdienen sie ihr Geld mit Comedy, Slam-Workshops oder Büchern. Gelandet sind sie alle hier, weil sie sich irgendwann in die Bühne und in die Sprache verliebt haben und gern Worte verdrehen, vertauschen und neu erfinden.

„Underground oder Overground oder bürgerliche Kulturstätte, es ist egal, solange die Poeten ihr Ding durchziehen können“, sagt Hogekamp. Die Trivialitätsvorwürfe gegen seinen Poetry Slam hört er oft genug – er wird trotzdem weitermachen, zwanzig weitere Jahre.

Erschienen in der Print-Ausgabe der WELT am 22.4.2014, online unter  http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127193736/Ueber-Facebook-und-Merkel-wird-immer-gelacht.html

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